VON DER GÖTTLICHEN ORDNUNG IN DER MUSIK (II)

Sta. Maria del Fiore

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Der 25. März 1436 ist nicht nur der Tag der Jungfrau Maria, der der Dom geweiht ist, sondern auch Palmsonntag und der Neujahrstag der Stadt Florenz. Der Anlass, die Weihe des Doms, legt die Verwendung der «Kirchweih»-Antiphon Terribilis est locus iste nahe. Sie bildet das Fundament des Satzes.

Quam terribilis est, inquit, locus iste! Non est hic aliud nisi domus Dei, et porta caeli.

(Wie Ehrfurcht gebietend ist dieser Ort! Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und die Pforte des Himmels.)

Das Fundament des Satzes, der Doppeltenor, eine Neuerung Dufays, wurde verschiedentlich mit der doppelschaligen Konstruktion der Kuppel Brunelleschis in Verbindung gebracht. Denkbar scheint allerdings auch, dass sie sich auf die Nachfolge Jesu durch Petrus (Eugenius IV) bezieht.

Die erste melodische Einheit des Triplums umfasst 8 Töne:

Sie zeigt zunächst eine tonartliche Indifferenz, wird aber mit dem mehrfachen Auftraten der Repercussa fa und der Kadenzbildung auf fa als 8. Modus bestimmbar. [1] Die Tonfolge bildet häufig den Beginn von Marienantiphonen des 7. Modus. So beginnt auch die Antiphon Quomodo fiet istud im 7. Modus zum Canticum Zachariae, dem Höhepunkt der Laudes dieses Festtags.

Die Wahl einer Antiphon im 7. Modus als Beginn eines insgesamt im 8. Modus stehenden Stücks ist auffällig. Möglicherweise steht sie im Zusammenhang einer symbolischen Absicht.

Die Struktur des Tenorfundaments ist 3 + 4. Sie verweist darin auf die Verbindung von Himmel (3) und Erde (4). Der Tenor ist über 28 Mensureinheiten gebildet. 28 ist Triangularzahl 7. Ordnung und zugleich perfekte Zahl im pythagoräischen System. Der Kadenzplan des Stücks zeigt eine äußere Vierteiligkeit, der eine innere Dreiteiligkeit innewohnt. Die Gesamtzahl der struktur-bildenden Kadenzen schließlich ist 3 x 7 + 1 = 22. Die Makrostruktur der Motette zeigt eine chiastische Struktur: 6 : 4 X 2 : 3. Der 22. Buchstabe des griechischen Alphabets ist Χ (= Χριστος), das Christuszeichen.

Charles W. Warren hat in den Proportionen der Motette die des Florentiner Doms gesehen. Er erntete damit verschiedentlich Widerspruch wie Zustimmung. Die Annahme, dass Dufay seine Festmusik nach den Grundmaßen und die Proportionen des Doms zu Florenz gestaltet habe, ist wenig plausibel. Beide, Dom wie Motette, weisen viel eher einen Bezug auf, der in 3. Könige, 6,2 und 16 f. genannt wird. Wir lesen die Beschreibung des Tempels Salomos in Jerusalem: «Der Tempel, den der König Salomo für den Herrn errichtete, war 60 Ellen lang, 20 Ellen breit und 30 Ellen hoch. (…) Und er trennte von der Rückseite des Tempels her 20 Ellen durch Zederndielen ab, vom Fußboden bis zum Gebälk, und schuf im Innern den Hinterraum, das Allerheiligste. 40 Ellen lang war der Hauptraum vor dem Hinterraum.»

Dem «Hinterraum» des Tempels, die Cella, entspricht in Sta. Maria del Fiore die Apsis, in Nuper rosarum flores Teil III. Abschnitt III1, der die «Cella», der Kern der Motette ist. Sein Beginn wird duch den kreisförmigen Buchstaben O – vielleicht ein Symbol für das Heilige – und eine kleine Circulatio markiert. Er umfasst 77 Töne. 77 ist Agnus Dei. Damit isopsephisch ist ΙΧθYS. Beide Namen sind Namen des christlichen Heilsbringers. Der Kanon – als «Geburt einer Stimme aus der anderen» – symbolisiert seine Menschwerdung, die Zahl der Töne, über die er geführt wird (33) die Dauer seines irdischen Lebens und seinen Opfertod.

Die Zahlenstruktur der untextierten Teile der Motette weist erneut einen Bezug zur Heilsgeschichte auf. Abschnitt III1 hat 77, die übrigen Teile der Motette haben insgesamt 232 untextierte Töne.

77 = Agnus Dei,

232 = qui tollis peccata mundi.

Agnus Dei, qui tollis peccata mundi ist die zentrale Botschaft Johannes des Täufers, der als Vorläufer Christi gilt und der Schutzpatron der Stadt Florenz ist. Häufig trägt er ein Lamm, auf das er zeigt – eine Bezugnahme auf Joh.1,29.

Die fünf untextierten Abschnitte stehen an den hier angegebenen Stellen. Ihnen zuordnen kann man die «fünf Geheimnisse» Jesu. Vier dieser Zahlen haben gematrische Entsprechungen. Es sind die Schutzheiligen der Stadt Florenz.

1 2 3 4 5

Takt 26–29 96–99 113–126 147–155 159–162

Abschnitt I1 II2 III1 IV1 IV2

Geheimnisse incarnatio passio resurrectio ascensio judicium

Tonanzahl 99 75 144 81 86

Heilige Maria = Reparata Zenobio Giovanni

«virgo celica»

Die Zuordnung der «Geheimnisse» und der Heiligen geschieht entsprechend ihrer Lebensgeschichte: Maria gebar Jesus (incarnatio), Reparata erlitt als Märtyrerin Qualen (passio), Zenobio wirkte Wunder (ascensio) und Johannes der Täufer ist gemeinsam mit Maria beim Jüngsten Gericht (judicium) anwesend.

Die christliche Ikonografie stellt diese Situation als ihre zentrale Botschaft, das Opfer Jesu in der Kreuzigung, immer wieder dar:

III1

Jesus

I1 II2 IV1 IV2

Maria Reparata Zenobio Johannes d. Täufer

Terribilis est locus iste, die Kirchweihantiphon, die das Fundament von Nuper rosarum flores bildet, entstammt dem Traum Jakobs von der Himmelsleiter, 1. Buch Mose 28, 10 ff. Dem Sohn Isaaks hatte geträumt:

«Eine Leiter stand auf der Erde, ihre Spitze berührte den Himmel. Gottes Engel stiegen auf und nieder.»

Das Traumgesicht, so Peter Friesenhahn, verweise auf die astrologische Beziehung Jakobs: «Die beiden Enden dieser Leiter werden durch zwei Pforten bezeichnet (die Solstitien), deren eine im Zeichen des Krebses und die andere im Zeichen des Steinbockes liegt. Aus ihr steigen die gefallenen Seelen herab in die Welt der Täuschung, um durch die gegenüberliegende Sonnenpforte wieder aufzusteigen, wenn die Zeit der Prüfung abgelaufen.» [2]

Jakobs Traum von der Himmelsleiter,

Mosaner Fragment, 12. Jhdt.

Der Überlieferung nach sind aus den Söhnen Jakobs die zwölf Stämme Israels hervorgegangen. In Off. 7 sind sie als Stammväter der Auserwählten genannt. Dan, aus dessen Stamm das Erscheinen des Antichrist erwartet wurde, fehlt.

Dina, die einzige Tochter Jakobs, Dina, die hier ebenfalls nicht genannt ist, hat als παρθενος θεοτοκος (Gottgebährende) den Zahlenwert 198. Die Zahl der Töne außerhalb von Teil III1 beträgt (ohne Klangzusatznoten) 891. Ihre Spiegelzahl 198 ist die Summe aus Tenorestönen und Klangzusatznoten.

Die (elf) Söhne Jakobs und seine Tochter Dina können den zwölf Zeichen des Tierkreises zugeordnet werden. Die Trennlinie der Tag- und Nachthäuser, die die Zeichen Löwe bis Steinbock und Wassermann bis Krebs voneinander scheidet, fungiert als Spiegelachse. «In der Mitternacht der Wintersonnwende, in der längsten Nacht des Jahres, wo die Sonne im Tierkreiszeichen des Steinbockes durch den tiefsten Punkt ihres Jahreslaufes im unteren Meridian hindurchgeht, steigt das Sternbild der Jungfrau am östlichsten Punkte des Himmels auf. In dieser Stunde wird , nach Anschauung der alten Astrologen, die Sonne geboren: die παρθενοs θεοτοκοs (=198) (…) bringt dann die neue Sonne, den αιον, zur Welt.» [3]

Die Makrostruktur

Die Makrostruktur der Motette ist bestimmt durch drei Spiegelzahlenpaare: 153 – 351, 232 – 232 und 385 – 583. Sie gehören zu einem perfekten System geometrischer Verhältnisse, das in dieser Weise dargestellt werden kann:

Verbinden wir sie miteinander, so entsteht der achtfach geteilte Kreis, in dem man das achtfache Lambda Λ gesehen hat. Die Acht verweist auf den neuen Bund; sie ist so die Zahl des Neue Testaments. Sowohl das Baptisterium von Sta. Maria del Fiore als auch Brunelleschis neue Kuppel sind jeweils über einen oktogonalen Grundriss gebaut. Λ ist der 8. Buchtabe des griechischen Alphabets. 8 x 11 ist 88. 88 x 11 ist 968, die Gesamtzahl der Töne der beiden Oberstimmen, deren Gesamtsystem aus der 8 abgeleitet scheint:

Das System der Oberstimmen (aus 8, Operator 11):

53 (die 35 entspricht ihr spiegelbildlich) ist der Zahlenwert des Tierkreiszeichens, das mit dem Buchstaben Λ beginnt λεον, Löwe. Das Zeichen ist ein Symbol der Stärke. Ihm ist die Sonne zugeordnet. Der achtfach geteilte Kreis des Spiegelzahlensystems wird damit bestimmbar als ein Zeichen des Christus. Die Gesamtzahl der Motette 1166 fügt sich dieser Deutung: 1166 ist 22 x 53 = Χ und λεον = Christus, der Starke.

Verbinden wir die acht Enden des Λ, so entsteht ein achtfacher Stern, das Symbol der Jungfrau Maria, wie es beispielsweise in den Katakomben von Sta. Priscilla (Rom) zu sehen ist. Seine Herkunft liegt in Mesopotamien: als Symbol der Ištar, der Gottheit, die die christliche Maria präfiguriert, bildet er zusammen mit dem des Sonnengottes Shamash (Sonne) und dem des Mondgottes Sin (Mond) die astrale Triade, die sich hier auf einem Grenzstein abgebildet findet..

König Melišipak, präsentiert der Göttin Nannaya seine Tochter.

Kudurru (Grenzstein), Louvre, Paris

153, die Ausgangszahl des Zahlensystems der Oberstimmen, wurde, bedenkt man, dass Dufay ein gleichwertiges System mit der 144 hätte bilden können, bewusst gewählt. 153 ist eine der wichtigsten Symbolzahlen der christlichen Überlieferung: Im Evangelium nach Johannes, Kapitel 21, ist sie als Zahl der Fische genannt, die Simon Petrus auf Geheiß Jesu aus dem See Genezareth gezogen haben soll.

Hieronymus, einer der vier Kirchenväter, hatte sich in seinem Kommentar zu Ezechiel 47, 6–12 auf griechische Zoologen bezogen, die angeblich 153 Arten von Fischen gekannt haben.Hierdurch sei die Zahl zum Symbol der Fülle geworden.

Augustinus, ebenfalls einer der vier Kirchenväter, versucht eine mathematisch-symbolische Erklärung: Zunächst sei die Zahl Summe aus den Zahlen 1–17 (Triangularzahl 17. Ordnung). Die 17 wird ihrerseits aus den Summanden 10 (Gesetz) und 7 (Gnade) zusammengesetzt verstanden.Der heilsgeschichtliche Sinn der 153 basiere auf der Erfüllung des Alten Testaments im Neuen.

Als Triangularzahl 17. Ordnung verweist die 153 auch auf den 17. Buchstaben des griechischen Alphabets: ρ. Er ist zusammengesetzt aus dem Sonnenzeichen I und der Modsichel C, die durch Jakobs Himmelsleiter miteinander verbunden sind. [4]

Für Theophanus Kerameus, Erzbischof von Rossano/Calabrien, ist die Tatsache, dass Rebekka, das Vorbild der Kirche, den Zahlenwert 153 habe, Beweis für die Richtigkeit der Annahme, die Zahl sei Sinnbild der Kirche. Eine Vielzahl weiterer Bedeutungen werden mit der Zahl 153 verknüpft.

Mit der Wahl der 153 als Ausgangszahl seines Zahlensystems der Oberstimmen stellt Dufay die Aussagen des 21. Kapitels des Johannesevangeliums ins Zentrum seiner Komposition. Dass Joh. 21,11 tatsächlich als Bezugspunkt gewählt wurde, verweist die Tatsache, dass im Triplum mit dem Ende des Textworts «Petri» genau 153 Töne erklungen sind.

Den Hintergrund der Perikope in Joh. 21 hat Peter Friesenhahn ausgeleuchtet. Als astrologische Bezugspunkte nennt er die Zeichen Fische und Wassermann und legt überzeugend dar, dass der Verfasser das Sakrament der Taufe als Symbol der Wiedergeburt, der Erneuerung und Neuschöpfung der Welt habe herausstellen wollen. [5]

Die Gesamtzahl der Oberstimmentöne, 968, ist der Zahlenwert des Hilferufs eines Kranken, der das jüdische Volk und dessen Krankheit die Sünde sein soll: «Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, wenn das Wasser aufgerührt wird, in den Teich schaffe».

Die Heilung dieses Kranken in der Taufe ist die Erneuerung der Lehre im Glauben an Jesus Christus. Sie ist im 1. Kapitel des Johannesevangeliums angesprochen, der Perikope von der «Hochzeit in Kanaa». Kanaa, der Ort der wahren Gotteserkenntnis an dem aus dem verwässerten alten Glauben durch Verwandlung in Wein das Blut der neuen Lehre Wird, liegt in Galiläa. Κανα τιs Γαλιλαιας = 133. Den selben Zahlenwert hat das Himmelsbild des die Morgenröte der neuen Zeit heraufführenden Sterns, des Neujahrssterns (Venus), Εωσϕορος, der sich am Morgenhimmel exakt im Osten zeigt. Als dieser «Morgenstern» wird die Jungfrau Maria bis heute bezeichnet. Ort des Εωσϕορος in der Nuper rosarum flores ist der Abschnitt IV2.

Die genannten Zahlen und symbolhaften Bezüge lassen sich nun auf den Tierkreishimmel übertragen.

Aus diesem Bild wird deutlich, wie wir die Verhältnisse in Nuper rosarum flores zu verstehen haben:

Jetzt wird verständlich, weshalb die 153 als wichtigste Zahl des Systems der Oberstimmen erst als Summe der Motetustöne in III und IV erscheint: Als Zahl des Lamms kannn die 153 erst nach incarnatio und passio Jesu, nach der «Wende», die Tod und Auferstehung markieren, stehen. Die Stellung unterhalb der 351 ergibt sich aus der Konstellation der Tierkreiszeichen. Wie im Fall der 891 – 198 ist die gespiegelt im Zeichen der Jungfrau, das dem der Fische gegenüberliegt. Die Spiegelachse ist dieselbe wie zuvor: die Linie des Wechsels zwischen Tag- und Nacht-häusern oder die Himmelsleiter aus Jakobs Traum.

Die Gesamtzahl der Oberstimmentöne, 968, die wir als zahl der Taufe identifiziert hatten, ist auch der Zahlenwert des zentralen Satzes der Offenbarung des Johannes. Off. 20,2 lautet:

Και εκρατηεν τον δρακοντα τον οτϕιν τον αρχαιον, οs εστιν Διαβολοs και Σαταναs, και εδησεν αυτον χιλια ετη.

(Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und Satan, und band ihn auf 1000 Jahre.) [6]

In diesem Zusammenhang scheint zumindest interessant: Schreibt man die Zahl (Dufay sieht von ihrer Verwendung ab wie er auch Dan ja nicht berücksichtigt hatte) zum Zeichen des Widders, so ergibt sich im gegenüberliegenden Zeichen Waage, dem Dan zugeordnet ist, aus dessen Stamm der Antichrist erwartet wurde, nach dem Verfahren der Spiegelung die Zahl 869. Spiegelzahlen sind in ihrer Bedeutung allerdings identisch. Zur Bestimmung eines Gegensatzes (Jesus – Antichrist) scheidet dieses Verfahren daher aus. In der Malerei wird der besiegte Drache auf dem Rücken liegend dargestellt. Auf die Zahlen übertragen ergibt sich dieses Bild:

896 ist der Zahlenwert des Satzes aus Off. 13,13:

Και ποιει σημεια μεγαλα, ινα πυρ ποιη εκ τον ουρανου καταβαιυη ελς την γην ενωπιον των ανθρωπων.

(Und es vollbringt große Zeichen, dass es sogar Feuer vom Himmel herabfallen lässt auf die Erde vor den Augen der Menschen.) [7]

Auch in diesem Fall gibt es einen zweiten Satz mit dem Zahlenwert 896. In Off. 17,11 lesen wir:

Και το θηριον, ο ην και ουκ εστιν, και αυτος ολδοοs εστιν, και εκ τον εππα εστιν, και εις αππωλειαν υπαγει.

(Und das Tier, das war und nicht ist, ist selbst der Achte, und doch einer von den Sieben, und geht dahin ins Verderben.) [8]

Gemeint ist der letzte Tag der siebentägigen Woche, der Sabbat. «Wurde aber die εβδομας, als Einheit gefasst, und so neben ihre Glieder, die sieben Tage gestellt, dann war der Zeitregler, Kronos als αιον εβδομαις, der ‹Achte›, während er doch zu den ‹Sieben› gehörte.» [9] Der Sieg über das Tier ist daher gleichbedeutend mit dem Ende der alten Zeit und dem Beginn der neuen Zeit, dem Eintritt der Auserwählten ins Himmlische Jerusalem.

Das abschließende Amen bringt erneut die Grundzahlen 28 (4 x 7 + 2), 7 und 8, die proportionale Ordnung der gesamten Motette und die Gliederung in 4 + 3 = 7: Triplum und Tenor II haben je 8 Töne, Motetus und Tenor I je 7; sie zeigen 3 bzw. 4, insgesamt also (zweimal) 7 Tonqualitäten. In seinen vier Anfangstönen zeigt sich die Melodie des Triplums identisch mit den Anfangstönen der «Amen»-Formeln des Gloria I, IV und XII des Kyriale; ihnen schließt sich die Kadenzformel an.

Der Lobgesang der Engel, Gloria in excelsis Deo beschließt so eines der außergewöhnlichsten Zeugnisse der Musikgeschichte, das die Macht und Herrlichkeit des christlichen Gottes und seine Kirche als eine ecclesia triumphans zeigt.

________________________

In pythagoräisch-platonischer Tradition offenbart sich der Kosmos als ein auf Zahlen und Proportionen gegründeter Ordnungszusammenhang. Der Kunsthistoriker Paul von Naredi Reiner: Mit dem Auffinden der Entsprechungen von Zahlen und Tonhöhen war es den Pythagoräern gelungen, «den Harmoniebegriff als mathematische Regelmäßigkeit zu fassen, die vorher mehr allgemeinen Harmonievorstellungen konkret als Ordnung von Zahlen und Proportionen zu verstehen». Platon konnte dann (in Philebos 64e) formulieren: «das Wesen des Schönen und Guten (sei) im Maß und in der Symmetrie (d. h. der Verhältnismäßigkeit) enthalten». Die Anschauungen der Antike gehen – obgleich es hier auch Kritik gab – im Wesentlichen unverändert in das Zahlenverständnis des Mittelalters ein.

Augustin ersetzt «Zahl« durch den Terminus «Schönheit» und fasst diesen Begriff als Wesens-element von «Ordnung. Maß und Ordnung sind ihm Ausdruck ästhetischer Vollkommenheit; Vernunft wird mit Zahl gleichgesetzt! Die «Ordnung», von der Augustin spricht, und die von da an im Zentrum des mittelalterlichen Weltbildes steht, meint die sichtbare und vom menschlichen Geist erkennbare Weisheit Gottes. Mehrfach spricht Augustin daher über das Verhältnis von numerus und sapientia. Biblischer Bezugspunkt ist ihm das alttestamentliche Buch Weisheit. In Kap. 11, Vers 20 steht dort: «Doch alles hast du nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet». Philosophische Erörterungen der antiken Zahlentheorie machen mehr und mehr einer allegorischen Auslegung von Zahlen Platz. In Augstinus’ Schrift De doctrina christiana sind die Arithmetik und die Musik schließlich nur noch als Hilfsdisziplinen für die Auslegung des Bibelworts.

Thomas von Aquin knüpft an die Augustinische Bestimmung von «Schönheit» an: «Die Schönheit besteht darum im gebührenden Verhältnis der Teile zueinander. Die Sinne finden Wohlgefallen an harmonisch geordneten Dingen als an etwas, das ihnen ähnlich ist. Denn auch der Sinn und überhaupt jede Erkenntniskraft ist eine Art von Vernunft». Im Mittelpunkt seiner Wesensbe-stimmung von «Schönheit» stehen die Begriffe integritas, proportio und claritas. Proportio gelte, so Thomas, im musikalischen Bereich sowohl für die Vertikale wie für die Horizontale, sowohl für den Verlauf der einzelnen Stimmen wie auch für ihren kontrapunktischen Zusammenhang und die Rhythmik. Darüber hinaus haben sich die einzelnen Teile untereinander wie zum Ganzen im gebührenden Verhältnis zu befinden. Es geht ihm also gleichermaßen um eine musikalisch ausgewogene Form wie um die strukturelle Einheit eines Musikstücks. «Die geordnete Form, die Gesetzmäßigkeit, die ratio der musikalischen Komposition, welche letztlich Abbild und Abglanz göttlicher Idee ist, muss durch die Hülle der Erscheinungen hindurchleuchten und so einen Glanz über das harmonisch geordnete Ganze ausgießen.»

Nikolaus von Kues, Zeitgenosse Dufays – wie er Teilnehmer des Konstanzer Konzils – spricht im 11. Kapitel seiner Schrift De docta ignorantia (Von der gelehrten Unwissenheit) von der «Leistung der Mathematik – der Zahl – beim Erfassen der innergöttlichen Relationen». Er reiht sich in die Tradition der «weisen und gotterleuchteten Lehrer» ein, die erkannt haben, «dass die sichtbaren Dinge in Wahrheit Bilder der unsichtbaren Dinge sind, und dass der Schöpfer auf diese Weise wie im Spiegel und Gleichnis für die Geschöpfe dem erkennenden Blick zugänglich wird». Die Möglichkeit der Erforschung der geistigen, uns unzugänglichen Dinge, besteht nach Ansicht des Autors im Symbol, da «alles zueinander in einer gewissen, uns freilich verborgenen und unfassbaren Proportion steht». Auch Kues sieht die Musik als Teil der quadrivialen Ordnung. Die Aufgabe der Musik, so Kues, sei es bei der Erschaffung der Welt gewesen, die Dinge so in ein gegenseitiges Verhältnis zu bringen, «dass keine größere Menge von Erde in der Erde ist als Wasser im Wasser, Luft in der Luft und Feuer im Feuer, sodass sich keines der Elemente völlig in das andere auflösen kann».«Zahl», «Gewicht» und «Maß» aus Weisheit 11, 20, denen der Autor die Arithmetik, die Musik und die Geometrie zuordnet, verkörpern die bewundernswürdige Ordnung, in der die Elemente von Gott gegründet sind.

Die Darstellung dieser göttlichen Ordnung in seinem musikalischen Beitrag zur Weihe des Florentiner Doms durch Eugenius IV. war offensichtlich Aufgabe und Ziel Dufays.

[1] Eduard Reeser hat darauf hingewiesen, dass diese Tonfolge auch die Teile II und IV von Nuper rosarum flores einleitet.

[2] Peter Friesenhahn: Hellenistische Wortzahlenmystik im Neuen Testament, Leipzig und Berlin 1935, S. 199f.

[3] Edb., S. 273.

[4] Ebd., S. 64.

[5] Ebd., S. 212

[6] Ebd., S. 261.

[7] Ebd., S. 281.

[8] Ebd., S. 290

[9] Ebd., S. 20.

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