Belle bonne ... Amour courtois als Herrscherlob?


Eines der visuell am schönsten gestalteten Stücke in der Überlieferung des 14. Jahrhunderts ist uns im Codex Chantilly überliefert: das herzförmig gestaltete «Belle bonne», ein Rondeau der Ars subtilior, das im weitesten Sinne der Amour courtois (um einen Begriff des 19. Jahrhunderts zu verwenden) zuzuordnen ist.1

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Der französische Text2 lautet:


Belle bonne, sage, plaisante et gente,

A ce jour cy que l'an se renouvelle,

Vous fais le don d'une chanson nouvelle

DEdans mon cuer qui a vous se presente.


De recevoir ce don ne soyés lente,

Je vous suppli, ma doulce damoyselle;


(Belle bonne …)


Car tant vous aim qu'aillours n'ay mon entente,

Et sy scay que vous estes seulle celle


Qui fame avés que chascun vous appelle:

Flour de beauté sur toutes excellente.


(Belle bonne …)



Baude Cordier: Belle bonne …

Codex Chantilly. Bibliothèque du Château de Chantilly, MS 564,

hg. von Yolanda Plumley und Anne Stone, Bd. 2, Facsimilé, Turnhout 2008, fol. 11v.




Wer ist der Dichter, wer der Komponist des Rondeaus? Die Frage wird gleich doppelt beantwortet: Die ersten vier Zeilen des Gedichts nennen ihren Autor. Als Akrostichon erscheint der Name BAVDE. Es bestätigt den Namen, mit dem das Rondeau überschrieben ist: «Baude Cordier», bei dem es sich möglicherweise um den Harfenisten Baude Fresnel handelt, der in Diensten des burgundischen Herzogs Philipp II. des Kühnen (1343–1404) stand.3 «Cordier» ist dabei ein Wortspiel, das sowohl auf die Profession Baudes als «Saiten­spieler» verweist, als auch auf ihn als den Verfertiger der Herzen, die wir sehen: der grafisch gestalteten herzförmigen Gesamtanlage des Rondeaus und des geritzten Herz-Symbols, das den Begriff «coer» im Text ersetzt.4


Dass Baude sich selbst als «Cordier» bezeichnete, ist nicht ausgeschlossen. Vermutlich ist «M. Baude Cordier» aber eine spätere Zuschreibung von fremder Hand.5 Möglicherweise handelte es sich um den selben Schreiber, der auch den Namen Senleches auf fol. 42v des Codex hinzugefügt hat.


Hätte er Baude mit der Bezeichnung «Cordier» lediglich als Harfenisten kennzeichnen wollen, so hätte er vermutlich – wie er dies im Fall von Senleches getan hat – ebenfalls eine Harfe zum Buchstaben B gezeichnet. Die Kennzeichnung als «Cordier» wäre dann überflüssig geworden. So ist anzunehmen, dass – wer auch immer er gewesen sein mag – dem Schreiber die Doppeldeutigkeit des Begriffs «Cordier» bewusst war. Sollte die Vermutung, es handele sich beim Komponisten um den Harfenisten Baude Fresnel nicht zutreffen, hätte der Schreiber des Namens lediglich den «Herzenmacher» Baude gemeint.


Die Frage nach der Adressatin dieser «Herzensmelodie» konnte bislang nicht beantwortet werden. Handelt es sich um die Angebetete des Dichter-Komponisten? Oder hat dieser hier lediglich eine Auftragsarbeit für einen anderen, sicherlich einen Verehrer von Stand, verfertigt? Immerhin firmiert Baude nicht nur als Komponist, sondern hat dem Text selbst seine Signatur eingeschrieben, wodurch auch seine Text-Autorschaft belegt ist.


An wen richtet sich seine Dichtung, seine Komposition? Üblicherweise wird die erste Zeile der Chanson «Belle bonne sage plaisante-et gente» mit «Schöne, Gute, Kluge, Wohlgefällige und Edle» übersetzt. Mit dem Begriff «bonne» aber treibt der Dichter/Komponist sein Spiel wie er dies mit den Herzen tut, denn «bonne» (Gute) kann auch als Vorname «Bonne» einer weiblichen Person gelesen werden. Das Imitationsmotiv, mit dem das Stück beginnt, unterstützt die syntaktische Gliederung der Anrede. Angesprochen würde so eine (junge) Frau, deren Vorname Bonne ist und die vier Eigenschaften besitzt: Sie ist hübsch («belle»), weise («sage»), wohlgefällig («plaisante») und liebreizend («gente»). Als Adressatin käme hier womöglich eine der Töchter Philipp II. des Kühnen und Margaretes von Flandern in Frage: Bonne, die 20-jährig am 10. September 1399 verstarb. Trifft meine Vermutung zu, würde auch die Datierung – und damit die Autorschaft Baude Fresnels, der spätestens 1398 im Dienst des Herzogs verstarb – wahrscheinlicher. Dass das Stück im Rahmen seines Dienstes am herzoglichen Hof oder zumindest für diesen entstanden ist, wird ersichtlich aus den beiden stilisierten Lilien, die das Wappen Philipp II. des Kühnen zieren und die – wie das Herz, das das Textwort «coer» ersetzt – ins Pergament geritzt wurden.6

So wäre die deutsche Übersetzung:


Schöne Bonne, Ihr Kluge, Wohlgefällige und Liebreizende,

an diesem Tag, an dem das Jahr sich erneuert,

mache ich Euch das Geschenk eines neuen Liedes,

im Inneren meines Herzens, das sich Euch darbietet.


Zögert nicht, dieses Geschenk anzunehmen,

das bitte ich Euch, meine süße junge Dame.


Schöne Bonne …


Denn ich liebe Euch so sehr, dass ich anders nicht mein Einvernehmen hätte;

und so weiß ich, dass Ihr allein diejenige seid,

die berühmt dafür ist, von allen genannt zu werden

Blume der Schönheit – vortrefflich vor allen anderen.


Schöne Bonne …


Die Huldigung der Schönheit einer Dame entspricht der höfischen Konvention. Ein Liebesverhältnis – und sei es auch nur einseitig – ist allerdings trotz der eindeutigen Herz-Metapher und der Beteuerung der Liebe nicht zwangsläufig gegeben. Baude ist eben ein «Cordier», einer, der bekannt dafür ist, dass er Herzen macht.


Die im Text verwendeten Schlüsselbegriffe des Textes seien hier noch einmal herausgestellt: Es handelt sich um ein Geschenk («ce don») in Form eines neuen Liedes («une chanson nouvelle»). Der Anlass für dieses Geschenk ist eindeutig benannt: «l'an se renouvelle» (das Jahr erneuert sich / Neujahrstag). Das eigentliche Geschenk jedoch ist «mon cuer qui a vous se presente» (mein Herz, das sich Euch darbietet). Der Schenkende beteuert – der höfischen Liebe entsprechend – kein anderes Begehr zu haben, als der angesprochenen Schönen zu huldigen. (In anderen Dichtungen widmet er gar sein Leben dieser Aufgabe.) Die Angesprochene wiederum wird als «Flour de beauté» (Blume der Schönheit) bezeichnet, die allen anderen Damen an Schönheit überlegen sei – «sur toutes» (über allen).


Die rhythmische Raffinesse des Stücks zeigt sich in häufigen Mensur- bzw. Proportionswechseln (tempus imperfectum dimitutum Ͼ / tempus perfectum dimitutum – wobei letzteres als durchgestrichener Kreis hier (ME22) zum ersten Mal auftritt – Vorzeichnungen 3 und 9/8, Triolierungen (in rotem Color) und Duolierung (weiße Noten).


Die kadenzielle Gliederung des im ersten Modus stehenden Stücks hingegen ist von einiger Schlichtheit. Nur der erste Vers und der Schluss des Stücks werden mit einer Doppelleittonkadenz auf der Finalis belegt. Das Refrainende zeigt eine mi-Kadenz. Der zweite Teil ist lediglich zweifach gegliedert: durch den Einklang auf «don» und die untergeordnete Schlussbildung auf der Repercussa des Modus (a, ME 31). Vor allem die Hauptschlüsse werden erreicht bzw. vorbereitet durch Melismen, denen jeweils kadenzielle Ruhepunkte vorausgehen und die Triolierungen und anschließendes «Abbremsen» der Bewegung mittels synkopischer Bildungen aufweisen.


Obgleich die Triolierungen standardmäßig die Melismen zieren, unterstützen sie doch zugleich auch die Auszierung des Begriffs «plaisante» (wohlgefällig) bzw. sind Ausdruck der Freude angesichts der Tatsache, dass sich das Jahr erneuert (hier zusätzlich unterstrichen durch das singuläre Erreichen des Hochtons c’).


Auffällig ist zunächst der imitative Beginn des Stücks: Contratenor und Tenor gehen jeweils auf g im Abstand von zwei Mensureinheiten voran, nach weiteren zwei Mensureinheiten setzt der Cantus auf der Oberquart d ein. Der Name der Angesprochenen wird dadurch in allen Stimmen exponiert. Die rhythmische und melodische Gestaltung des Imitationsmotivs unterstützt die Anrede. Das Fünftonmotiv findet sich leicht modifiziert auch zu Beginn von Teil B wieder – hier endet es auf «don» (Geschenk, Gabe) im Einklang auf d – und vervollständigt so die Anrede zu «Belle bonne | vous fais le don» (Schöne Bonne, Euch mache ich das Geschenk).


Wie so oft, so auch hier, kommt es bei Geschenken auf die Verpackung an. Die außergewöhnliche Gestaltung dieses «neuen Liedes», das Baude einer Dame von Adel überreicht, wird nicht nur die Adressatin, sondern auch all jene, die die Übergabe des Geschenks am Neujahrstag miterleben konnten, nicht wenig beeindruckt haben.


Alles in allem haben wir es mit recht schlichten Versen zu tun. Zweifellos – dies ist kennzeichnend für die Amour courtois – richtet sich der Schreiber an eine sozial höher gestellte Dame. Allerdings ist weder von einer völligen Unterwerfung des Dichter-Komponisten bzw. seines Auftraggebers die Rede, noch von kaum erträglichem (Liebes-) Leiden oder gar einem Todeswunsch bei Nicht-Erfolg des Liebeswerbens, wie dies üblicherweise der Fall ist. Dies alles deutet auf ein eher harmloses ästhetisches Vergnügen anlässlich der im Text angesprochenen Neujahrsfeiern hin denn auf ein ernst gemeintes Liebeswerben mittels für die höfische Dichtung jener Zeit typischer Sublimation geschlechtlichen Verlangens. Die Überreichung einer für alle sicht- und hörbaren Gabe macht die Beziehung öffentlich und nimmt ihr damit zugleich ihre Brisanz. Gleichwohl beachtet Baude die Regeln des höfischen Comment aufs Genaueste. Die Übung ist gelungen und doppelt von Erfolg gekrönt: Mit Dichtung und Komposition erweist sich ihr Autor als in Dingen des Zeremoniells bewandert und erfüllt die Anforderungen an «courtoisie» und «Höfischheit». Die Angesprochene ihrerseits wird als ein Wesen gekennzeichnet, das äußere Schönheit mit sittlicher Vollkommenheit verbindet und damit dem Ideal der höfischen Dame entspricht.


Das vor seinen Namen gesetzte .M. weist auf Baudes Status als «Maistre» hin. Der Meister hatte wohl ein Gelegen-heitswerk zu gegebenem Anlass zu liefern. Die Versiertheit mit der er das getan hat, hat er durch die außer-gewöhnliche Gestaltung aufgewogen (um nicht zu sagen: geschickt kaschiert).


So könnte es gewesen sein. Einen Beweis dafür muss ich allerdings schuldig bleiben. Immerhin ist auch eine andere Lesart möglich …


Nehmen wir an, die Übersetzung der Verse laute so:


Schöne, Gute, Kluge, Angenehme und Edle,

an diesem Tag, an dem das Jahr sich erneuert,

mache ich Euch das Geschenk eines neuen Liedes,

im Inneren meines Herzens, das sich Euch darbietet.


Zögert nicht, dieses Geschenk anzunehmen,

das bitte ich Euch, meine süße junge Dame.


Schöne, Gute …


Denn ich liebe Euch so sehr, dass ich anders nicht mein Einvernehmen hätte;

und so weiß ich, dass Ihr allein diejenige seid,

die berühmt dafür ist, von allen genannt zu werden

Blume der Schönheit – vortrefflich vor allen anderen.


Schöne, Gute …


Der Schlüssel läge in der letzten Zeile: Flour de beauté sur toutes excellente (Blume der Schönheit – vortrefflich vor allen anderen). Die Angesprochene könnte die zweifach abgebildete Fleur-de-Lys selbst sein. Als Wappenblume von Baudes Dienstherrn wäre die schönste der Blumen – immerhin steht sie für die Jungfrau Maria, von der die französischen Könige sie geliehen haben und von der es in Weisheit 7,26 heißt, ihr Licht stehe «super omnem (stellarum)» – über allen anderen (Sternen) – angesprochen … und mit ihr der Dienstherr selbst. Damit wäre die Chanson ein doppelt verpacktes Geschenk: Zur symbolischen Verpackung in Form des Herzens käme ein in Amour courtois verpacktes Herrscherlob als Huldigung an die Lilie, die Wappenblume des Brotherrn. Die Verwendung des ersten Modus, der in späterer Zeit – und vielleicht schon hier – bevorzugt für Huldigungskompositionen verwendet wird, wäre plausibel.



Anmerkungen


[1] Der «Codex Chantilly» enthält 112 polyphone Stücke (Balladen, Rondeaus, Virelais, Motetten) überwiegend französischer Komponisten aus dem Zeitraum 1350–1400. 61 dieser Stücke sind ausschließlich hier überliefert. Die Handschrift, die möglicherweise im Auftrag einer Florentiner Familie entstand, blieb bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein in Italien. Die beiden Stücke Baude Cordiers, «Belle bonne…» und der Kanon «Tout par compas», wurden – vermutlich aufgrund ihrer einfallsreichen ästhetischen Gestaltung – dem Codex vorangestellt. Wie Elisabeth Randall Upton überzeugend nachgewiesen hat, waren sie ursprünglich getrennt voneinander notiert worden und gehören nicht zum Kernbestand des Codex. «The Creation of the Chantilly Codex (Ms. 564)», in: Studi musicali, Nuova serie, iii, 2012, n. 2, Rom 2012, S. 287–352.


[2] Zitiert nach: Codex Chantilly. Bibliothèque du Château de Chantilly, MS 564, hg. von Yolanda Plumley und Anne Stone, Bd. 2, Facsimilé, Turnhout 2008, fol. 11v.


[3] Craig Wright: «Tapissier and Cordier: New Documents and Conjectures», in: Musical Quarterly 59 (1973), S. 177-189.


[4] Étienne Anheim: «Les calligrammes musicaux de Baude Cordier», in: Les représentations de la musique au Moyen Âge. Actes du colloque des 2 et 3 avril 2004, hg. von Martine Clouzot und Christine Laloue, Paris 2005 (Les cahiers du Musée de la Musique, 6), S. 46–55. 


[5] vgl. Elisabeth Randall Upton, a.a.O.


[6] Bereits der Merowinger König Chlodwig I. (466–511) soll sich nach seiner Bekehrung zum Christentum Lilien als Wappenzier erwählt haben. Der Legende nach wurde sie ihm durch einen Engel verliehen. Nach einer anderen Legende, die der Legitimation seiner Herrschaft dienen sollte, hat er sie von der Jungfrau Maria, deren Symbol sie ist, erhalten. Vom französischen König Philippe I. (1052–1108) eingeführt, trugen die Könige die Fleur-de-Lys seither in ihren Siegeln.

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